Die Grenzen des Wirts

Posted by Icke on 10. Oktober 2012 in Geschichten vom Tresen |

Hat überhaupt schon mal ein Wirt erzählt?

Hat er ein dickes Fell, oder ist er nur abgestumpft, reagiert er immer so empfindlich oder nur heute oder nur auf Herren mit Schnauzbart. Lässt er sich so was immer gefallen oder nur von Unionern oder wenn er es mal wieder an der Bandscheibe hat? Denkt er sich was dabei, oder ist er so?

Stammgäste kennen ihren Wirt, was Überraschungen ja nicht ausschließt. Denn solche Nummern, wie zum Beispiel die mit der augenscheinlich weit über meinem Dreckstall stehenden Dame, die ihren Sahnelikör in ein Whisky-Glas freihand und großzügig, mit Liebe sozusagen, eingeschenkt bekommt und nichts Besseres zu fragen hat, als ob das denn wirklich ein Doppelter ist, woraufhin ich das Glas wieder an mich nehme, ihr ein Neues hinstelle, ihre Ladung Likör in den Messbecher gieße, der freilich da nicht hineinpasst, ich ihr also mit dem großzügigen Rest von ihrem Glas zu proste und “ hopp hopp, rinn in Kopp“ mache, um dann den Inhalt des Messbechers in ein neues Glas zu gießen, ja, solche Nummern gelingen nicht oft vor Publikum. Die Dame war entwaffnet und einsichtig genug, um sprachlos zu bleiben.

Schön auch die Gesichter am Tresen, die zwar wussten, dass auch der Wirt Grenzen hat, aber gelegentlich staunen, wo sie liegen können. Die Kneipe hat drei hintereinander aufgereihte Räume, und die Durchbrüche in den Wänden
ermöglichen einen Blick vom Tresen bis zum Eingang durch ein Lichtermeer von Kerzen. Für den Wirt, also meistens für mich, ist der Tresenraum der allersensibelste, denn Wohl und Wehe eines Abends hängen sehr von den Gästen ab, die ihre Hintern mehr oder weniger schwungvoll auf die Hocker am Tresen bringen.

Oft genug ist auch meine Tagesform von praktischer Bedeutung, denn auch ich habe einen atmosphärischen Einfluss auf das Karma des Raumes. Und wenn ich mich so gewissen autistischen Anwandlungen beuge und nur noch Bestellungen verstehen will, sind mir die Gäste am liebsten, wenn sie sich entweder anpassen und damit klarkommen oder sich unbeeindruckt aufs Beste miteinander unterhalten oder die anderen Räume bevölkern oder gehen oder gar nicht erst kommen.

Niemals sollten sie mir Fragen stellen, die sie eigentlich nicht interessieren, sondern nur Gespräche in Gang bringen sollen, die ich nicht will, oder wenn sie mich schon volltexten, sollten sie spätestens dann aufhören, wenn ich mir eine Zeitung nehme, sie aufschlage und hineinstarre. Doch, ich hatte schon solche Patienten, die weiterredeten, wenn ich schwieg, die weiterredeten, wenn ich wegguckte, die weiterredeten, wenn ich mir die Zeitung demonstrativ vor’s Gesicht hielt.

Überhaupt sind Wirte auch Menschen, worauf manche Piloten gar nicht kommen, weil sie der Ansicht sind, dass sie, wenn sie schon das Bier bezahlen, den Wirt dazu kriegen. Nun, das sind eher alte Nachrichten, Prägungen aus meinen Kinderjahren als Wirt, als ich noch glaubte, so eine Kneipe hat ’ne soziale Funktion, in der auch der mieseste Idiot nach seinen Verfehlungen wieder rein darf, erstmal nüchtern freilich und höflich, aber nur, um nach einem exakt abgemessenen Pensum das Temperament zu wechseln und dem Karma der heiligen Hallen abermals schweren Schaden zuzufügen. Mittlerweile kann ich schon prophylaktisch Nein sagen, also lange bevor der sich umgänglich und nüchtern gebende Gast zum Nervtöter wird. Ich kann dann die Zukunft zwar sehen, aber nicht verhindern.

Immerhin lassen sich die meisten doch noch wegempfehlen – hin zu gierigeren, feigeren, gleichgültigeren oder schmerzbefreiten Wirten, obwohl ich kaum glaube, dass es sie gibt. Und ich brauche mir auch keine Zeitung mehr vor’s Gesicht zu halten, nicht nur, weil die Gäste heute sensibler und aufmerksamer sind, sondern auch, weil ich durch leidvolle Erfahrung gelernt habe, mich besser, also deutlicher auszudrücken.

Neue Leute kennen zu lernen macht aber eigentlich wenig Mühe und kann sogar ganz nett und unterhaltsam sein. Schließlich bin ich gern Wirt. Und tatsächlich ist, das ergeben meine langjährigen Erfahrungen, Alkohol überwiegend angenehm belebend.

(Wird fortgesetzt.)

 

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