Wer hier spielt, soll auch schlucken

Ich bin als Wirt ein ungezogener Flegel und obendrein nicht ganz richtig im Kopf. Jeder, der bei mir schon mal ein Leitungswasser mit Eiswürfeln und einem Scheibchen Zitrone bestellt hat, weiß das.

Den Nichtkennern meiner vorangegangenen Kolumnen sei gesagt, dass ich mich höchstens auf vier Prozent aller Zeilen über gewisse Zumutungen extravaganter Gäste beschwerte, (schon jetzt drohen einige mit Gegendarstellungen), dass ich hier also sehr zurückhaltend anprangere, auch wenn es sogar Gäste gab, die das Bier an den Tisch gebracht haben wollten. Ich kenne eine Menge Leute, also ein paar, also mindestens knapp zwei, die unterschreiben würden, dass ich am Tresen ein pflegeleichter, umgänglicher Mensch bin. Vor allem schnell. Um ein paar Flaschen herauszugeben, muss ich noch nicht mal mein Nickerchen unterbrechen.

Was mich aber zuverlässig munter macht, sind solche immer wiederkehrenden Ignoranten, die sich an ein Go-Brett setzen, darin verschwinden und die Taverne für einen von ihrem Gegner angemieteten Spieleraum halten. Die beobachte ich hochkonzentriert drei oder fünf Stunden, vor allem im Winter, wenn’s warm bei mir ist. Natürlich weise ich sie vorsichtshalber auf meine Selbstbedienungsidee hin, dann nicken sie kurz, während der Go-Stein aufs Brett klackt. Und ich bringe es ganze Abende nicht fertig, ihnen zu sagen, dass sie was bestellen sollen oder eben verschwinden, während sie mit einem weltberühmten Stammgast Muster legen, der nebenbei meine Bier-Vorräte genießt. Ja, ich bin es, über den ich mich beschwere; die im Spiele Versunkenen können nichts dafür. Sie studieren tagsüber asiatische Weisheiten, suchen das Göttliche in ihren Innereien, üben Chi Gong, warten geduldig auf Erleuchtung und verschließen im Übrigen ihre Augen vor den elenden und profanen Gepflogenheiten der Abendländler.

Einige von Ihnen habe ich schon beim Abhauen erwischt, also wenn sie es bis zum Schluss nicht geschafft haben, einen Ginseng-Tee zu ordern. „Was glaubst du, was das hier ist?“, frage ich. „Was was ist?“, fragt der Gestellte. „Na die Kneipe hier“, sage ich und hab die Antwort wieder mal selbst gegeben. Jedenfalls keine GoGo-Bar. Für meine in solchen Fällen nötigen Abschiedsworte ernte ich meistens mitleidige Verachtung, weshalb ich diese Leute gern weiße Buddhisten nenne. Wer aber nur doof tut, darf nicht wiederkommen.

Allerdings muss ich spätestens an dieser Stelle eine Lanze fürs Go brechen. Jeder abwechselnd nur einen Stein, der eine die Schwarzen, der andere die Weißen, das Brett kreuz und quer liniert. Man kann seinen Stein ablegen, wohin das Herz begehrt. Es sind die einfachsten Spielregeln der Welt. Die Varianten aber sind schier unendlich und jede Spielstärke kann mit jeder spielen, ohne zu langweilen.

Ich selbst spiele lieber Schach, da es meinem Bedürfnis nach Aggression und Zerstörungswut eher entgegenkommt und die Grenzen des Möglichen enger sind. Bin schließlich nicht das Universum. Überhaupt lob ich mir das Spiel, egal welches. Die Lebensgeister erwachen im besten Testgelände für den Eroberer in uns. „Was machst du denn für ein Gesicht?“, fragt W. „Wenn ich Gesichter machen könnte, hättest du ein anderes“, antwortet M. „Lass uns lieber Skat spielen“, schlägt H. vor, „unterhalten könnt ihr euch am Telefon“.

Die Skatrunde − eine imposante Veranstaltung. Ein und dasselbe Gesicht zeigt in einer Stunde die ganze Bandbreite möglicher Temperamente. Ob Langeweile, leichte Erregung, Wut, Zurückhaltung, Großmäuligkeit, Beschwingtheit, Selbstironie, Frustration und Gelassenheit − alles das haben wir schon gesehen manchmal in einem Spiel und im selben Kundengesicht. Erst wenn sich jeder gleichermaßen aufregt, ist das Bild vom ewigen Frieden vollkommen. Oder von seiner Zerbrechlichkeit. Eins aber haben alle Spieler in Aktion vom Brett zur Karte gemeinsam. Sie konzentrieren sich. Die Spannung wächst und lässt nach. Kartenspieler schlucken in jeder Phase irgendwas. Das seh ich gern, mir juckt’s in den Fingern, aber der Wirt kann nicht alles haben. Da muss auch er schlucken.

Der Wirt

 

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