Zahlen bitte!

Manche fragen, wie TEUER ein Bier bei mir ist. Wahrscheinlich Umgangssprache von Irgendwo. Mich irritiert diese negative Vorverurteilung des Preises. Apropos Umgangssprache. Ich habe mir sagen lassen, dass es in bestimmten Regionen völlig in Ordnung ist, „Ich krieg ein Bier!“, zu sagen. Mich aber reizt das, „Ich krieg 2,40!“, zu antworten und ein, „Aber dalli!“, nachzuschieben. Natürlich tue ich das nicht. Es sind einfach fremde Sitten, und bei mir stößt Multikulti auf Akzeptanz.

Sagt einer „Grüß Gott“, befremdet mich das angenehm. Schon die Hugenotten waren eine echte Bereicherung, und selbst während der unseligen Mauerzeiten wimmelte es im Prenzlauer Berg von Fischköppen und Löffelschnitzern. Löffelschnitzer hießen damals Thüringer wie ich, der hier als Provinzflüchtling angefangen hat, auch wenn wir in Suhl schon mit metallenen Löffeln aßen. Ja früher, als ein paar Alu-Chips reichten, um sich eine ordentliche Bewusstlosigkeit anzuschlürfen, weil Geld planwirtschaftlich aufgeteilt wurde: Männer genug zum Trinken und Frauen genug zum Träumen. Ist nicht ganz richtig, ich weiß, also jetzt, husch, zurück zum Tresen, wo ich nicht glaube, dass das gelegentliche Brimborium beim Bezahlen regionale Angewohnheiten zur Ursache hat.

Es ist überall ein profaner und im besseren Fall eher unauffälliger Vorgang. Kein Tanz wird aufgeführt und keine Lichter werden angezündet und meistens ist das Zahlen mit der Verabschiedung verbunden, mit Dankeschöns und freundlichen Wünschen. Ausnahmen sind gut, um das zu verdeutlichen. „16,80“, sagte ich neulich und M. fummelte nach einem Schein, während wir weiter über die Geldprobleme des Fußballvereins 1860 München redeten. Wer weiß, ob 1860 dies oder 1860 jenes, und als M. noch mal nach dem Preis fragte, sagte ich „18,60“. – „20“, sagte er, und so nahm ich es auch. Hatte ich beschissen? Nein, aber wir hatten nach der Korrektur was zu lachen…

Für einen Wirt gibt es nichts Peinlicheres, als zu viel zu verlangen oder zu seinem Vorteil falsch rauszugeben. Und doch gibt es immer wieder Gäste, die den Beschiss latent unterstellen. „Kann nich sein“, sagen sie, „ich ha nii siem Bia habt“. Jeder kann Recht damit haben, wenn der Wirt was in die falsche Spalte schlampte; und im Zweifelsfall bin ich für den Gast (also nur zu und keine Hemmungen, wenn etwas nicht stimmen kann). Schlimm sind nur die, die ständig überrascht tun, und ich schätze mal, sie wissen nicht, wie ärgerlich ihr ewiges „Kann nicht sein“ ist und was es anrichtet. Solche Kunden sind so selten, dass ich sie gar nicht erwähnen sollte, doch dieses Misstrauen wirkt zersetzend auf meine Laune. Ich möchte auf diesem Weg alle Wiederholungstäter in allen Kneipen der Stadt grüßen; nicht viele Leute zeigen so offen ihr verklemmtes und ängstliches Verhältnis zur Welt.

Es geht natürlich auch auf das Arroganteste großzügig und herablassend, was ich oft eher niedlich finde; aber viel besser ist das auch nicht. So komisch, wie es sein kann, wenn Leute ihr Selbstbewusstsein üben, so unangenehm kracht es gelegentlich. Nicht das Geld ist sensibel, nur die, die es loslassen sind es und – meist wird das unterschätzt – auch die, die es empfangen. Ich rechtfertige diesen Ausflug zu solchen seltensten Ausnahmeerscheinungen vor mir auch damit, dass ich mal über Geld reden wollte. Ich war gut vorbereitet. Habe ach, Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen, auch Philosophen studiert und bin nun nicht mehr so klug, als wie zuvor.

Anders als am Tresen ist hier zum Glück kein Platz, mein Unwissen auszubreiten. Was Geld auf der Bank vom Entstehen bis zum Verschwinden tut, sind für mich Nachrichten aus einem Paralleluniversum. Hier auf der Erde aber soll das schöne Wort von Henry Ford gelten: „Ein Geschäft, das nur Geld einbringt, ist ein schlechtes Geschäft“. Manchmal sieht das richtig schnuckelig aus: „Ich muss noch zahlen, leider“, sagt der Gast. „Ich nehm dein Geld aber nur, wenn du es mir gern gibst“, sage ich. „Ich habe es ja nicht so gemeint“, sagt der Gast. „Ich doch auch nicht“, sage ich und wir lächeln vor lauter Verständnis.

(Wird fortgesetzt.)

 

[fb_button]

Dieser Beitrag wurde unter Geschichten vom Tresen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.